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Unser Leben

Sr. M. Esther erzählt:

Ich komme aus München und habe in Regensburg Lehramt für Grundschulen studiert bis ich merkte: „Das ist nicht mein Ding.“ Weder das Studium noch die Vorstellung als Lehrerin zu arbeiten, machte mich richtig glücklich. Ich sattelte dann auf Theologie um. Doch Gott nur als eine wissenschaftliche Fragestellung zu behandeln, war für mich auch nicht das Richtige. Vor dem Vordiplom dachte ich dann: „Ich muss hier raus.“ Es ging nicht vor und nicht zurück. Zwei Studienkolleginnen erzählten mir in dieser Situation von ihrem Leben als Missionarin auf Zeit. Die eine war in Afrika, die andere in Sibirien. Mich hat das so fasziniert: Einfach mal über den eigenen Tellerrand hinausschauen.


Ich bewarb mich nach Südamerika und landete mit 26 Jahren auf der Fazenda da Esperanza in Guaratinguetá, Brasilien. Dort werden Drogenabhängige, Prostituierte oder Kriminelle resozialisiert. Die Methode des Franziskanerpaters, der das Sozialwerk leitet, ist einfach: Jeden Tag lesen die dort Lebenden eine Stelle aus dem Evangelium und überlegen dann, wie sie das Wort Gottes in die Tat umsetzen können. Sie lesen Worte wie „dem anderen verzeihen“, „von vorne anfangen“ oder „den Nächsten lieben“. Am Abend reden die Bewohner der Fazenda über ihre Erfahrungen mit dem Wort Gottes. Alle haben bei der Arbeit auf dem Feld oder in der Fabrik immer wieder an das Bibelwort gedacht, und es manchmal geschafft, dass es ihr Handeln bestimmt. So wurde das Wort auch für mich lebendig, so wurde Jesus für mich lebendig! Die Erfahrung, die ich gemacht habe, ist schwer zu beschreiben, es war nur ein ganz kleiner Moment: Ich hatte einer jungen Frau, mit der ich mich eigentlich schwer getan hatte, beim Putzen geholfen und die vielen kleinen Bänke in die Kapelle getragen. Eigentlich hatte ich erst gar keine Lust ihr zu helfen. Dann hab ich’s mir überlegt. Ich wollte das Wort, sein Wort leben – und dann diese Riesenfreude ganz tief in mir! In diesem Moment hatte ich für mich die Gewissheit, dass Jesus wirklich lebt und mir auch ganz nah ist.


Diese kleine Erfahrung vertiefte sich im Laufe der Zeit immer mehr. Die Fazenda wurde für mich zu einem Ort, an dem ich Gottes Anwesenheit spürte. Alle dort versuchen, das Wort Gottes zu leben, und diese Erfahrung verändert alle, die sich auf diese Dynamik einlassen. Das war natürlich nicht immer leicht. Ein Bewohner der Fazenda hat das mal so beschrieben: „Es ist, als ob einer in einem dunklen Raum eine Kerze anzündet, und du siehst Sachen, die du vorher nicht gesehen hast.“


Religion war für mich immer schon ein Thema. Der regelmäßige Gottesdienst war für mich von Kindheit an ganz normal, später besuchte ich ein Gymnasium, das von Dominikanerinnen geleitet wurde. Doch jetzt habe ich das „Mehr“ erfahren. Gott war nicht mehr der, über den man redet wie im Studium, sondern der, der einen packt, mit Haut und Haaren. „Jesus liebt dich“ – das habe ich vorher schon tausend Mal gehört, es war für mich so was wie ein Slogan der Freikirchen, aber jetzt wusste ich, dass dieser Satz zuinnerst wahr ist und diese Wahrheit wurde zum Wichtigsten in meinem Leben. Das, was mich jetzt erfüllt, habe ich vorher in einer Beziehung gesucht, die anderen auf der Fazenda in Drogen oder Alkohol. Aber nichts hat auf Dauer wirklich genügt.


Auf der Fazenda waren auch zwei Franziskanerinnen aus dem Kloster Sießen. Das war der große Schock für mich. Ich dachte: „Die sind nicht alt, die sind nicht dumm, die sind nicht hässlich. Was machen die denn da!?“ - Vor meinem Brasilienaufenthalt habe ich nie daran gedacht, dass das alles mit einem Klostereintritt enden würde, aber jetzt war mir klar: “Da geht’s lang, das ist mein Ort!“ Ich bin bei den Franziskanerinnen von Sießen eingetreten, habe aber Theologie zu Ende studiert und wurde Pastoralreferentin. Heute arbeite ich in der Seelsorgeeinheit Argenbühl und versuche das weiterzugeben, was ich in Brasilien und danach immer wieder erlebt habe: Dass Jesus da ist, dass er lebendig ist und uns/mich meint! Irgendwie war es ein Trick: über Brasilien hat Gott mich in ein Kloster in Deutschland eintreten lassen! Und: Es ist gut so!