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Glauben in Gemeinschaft in den Missionen

 

Sr. Theresina berichtet aus dem Norden Brasiliens

Sr. Theresina hat Ende letzten Jahres einen Brief an alle Freunde und Bekannte geschrieben, in dem sie von ihrem Leben im Norden Brasiliens berichtet. Hier ein Auszug daraus:

 

Schwere Überschwemmungen zu Beginn des Jahres 2009 

Der Anfang des letzten Jahres war hier im Norden sehr schwer, da im März eine große Überschwemmung diesen Teil der Erde heimsuchte.

Ca. 300 000 Menschen waren in unserer Region Maranhão direkt davon betroffen. Viele Straßen verwandelten sich in kleine Flüsse und einige Wochen lang kamen viele Menschen nur mit Hilfe von Booten in die Stadt, da die Zufahrtsstraßen  überflutet waren. Ganze Straßenzüge mussten schnellstens geräumt werden und es war schön die Solidarität vieler Menschen mit den Notleidenden zu sehen. Aber es gab auch Trauriges. So wollten manche Menschen nicht ihr gefährdetes Haus verlassen, da sie Angst hatten, dass ihre wenige Habe wie Kühlschrank oder Fernseher gestohlen würden. Was ab und zu wirklich der Fall war. Wir kennen eine junge Frau, die 5 Kinder hat, aber keinen Mann. Sie wechselte mit ihrer 12-jährigen Tochter Tag und Nacht die Sitzwache vor ihrem Haus ab, bis das Wasser zurückging, damit ihr nicht der Kühlschrank gestohlen wurde, den sie noch nicht einmal abbezahlt hatte.

 

Zusammenarbeit mit der FAZENDA DA ESPERANCA 

Ein freudiges Ereignis war wieder das Jugendfranziskusfest, das am 11.Oktober auf der Fazenda da Esperança stattfand. Mit ca. 25 Jugendlichen und Rekuperanten (=ehemaligen Drogenabhängigen) übten wir ein Theater ein und versuchten die Botschaft, die uns Franziskus hinterlassen hatte, in die heutige Zeit zu üb. Es nahmen ca. 600 Jugendliche von außen und ca. 120 Rekuperanten an dem Fest teil. Wie immer war einer der Höhepunkte der Moment, als die Rekuperanten aus ihrem Leben erzählten und wie sie auf der Fazenda zu neuem Leben gefunden haben.

Besonders beeindruckend war das Zeugnis einer jungen Frau, die mit 2 Jahren ihre Mutter verloren hatte. Der Vater, Alkoholiker, war nicht in der Lage sich um das kleine Mädchen zu kümmern und ließ es bei der Großmutter. Diese aber mochte das Mädchen nicht, da es, wie die Mutter, dunkelhäutig war. Von da an begann für das Kind ein endloser Kreuzweg. Sie wurde von einer Tante zur andern, von einem Onkel zum andern geschoben und schließlich, mit 11 Jahren ging sie auf die Straße, da sie ihre Verwandten nicht mehr ins Haus ließen. Sie hatte zuletzt in einem Hundestall im Hinterhof ihres Onkels gehaust. Und auf der Straße fand sie das, was es dort gibt: Drogen, Alkohol, Prostitution, Gewalt und Einsamkeit. Mit 18 Jahren hatte sie schon verschiedene Menschen umgebracht und war bei der Polizei als diejenige bekannt, die man getrost umlegen konnte, da es keine Rettung mehr gibt. Ein Polizist, der sie im Gefängnis misshandelte sagte zu ihr: ”Wenn Du nicht von hier verschwindest, lassen wir Dich verschwinden!” Sie hatte die Botschaft verstanden und beschloss auf die Fazenda zu gehen, um für eine Zeitlang unterzutauchen. Aber dann kam alles ganz anders. Sie lernte etwas kennen, das sie noch nie erlebt hatte: dass es Menschen gibt, die sie mögen, die es gut mit ihr meinen, die ihr helfen. Und ganz allmählich begann sie zu glauben, dass es da einen Gott gibt, der sie liebt, auch wenn es oft anders aussieht. Und sie versuchte sich selbst eine Chance zu geben, dass das Leben mehr ist als Leiden und Verlassenwerden. Heute, nachdem sie schon 2 Jahre auf der Fazenda lebt, ist sie Verantwortliche für ein Haus mit 12 Mädchen und hat es gelernt, aus ihrem Schneckenhaus herauszugehen, auch wenn das immer noch schwierig für sie ist. Denn auf der Straße hat sie allein gelebt. Sie liebt es, auf dem Boden zu schlafen, Betten findet sie überflüssig. Sie mag es nicht, 2 Paar Schuhe zu besitzen, da ein Paar völlig genügt. Sie findet es schrecklich ihre Haare zu kämmen, da es doch 18 Jahre lang auch ohne ging. Sie hat auf der Fazenda gelernt, ihre Wäsche zu waschen und regelmäßig unter die Dusche zu gehen. Sie lernt allmählich, in andere Menschen zu vertrauen, auch wenn das Misstrauen immer wieder herrschen will. Und sie lernt allmählich, dass sie selbst wichtig ist und Respekt verdient.

 

Wir möchten bei den Armen leben

Wir Schwestern sind Ende des Jahres in ein kleines Haus am Stadtrand umgezogen. Es ist ein Viertel, das keinerlei Beistand hat, weder von politischer noch von religiöser Seite. Viele Familien ziehen vom Landesinnern in die Stadt, auf der Suche nach einer besseren Schulbildung für die Kinder oder auf der Suche nach Arbeit. Sie bauen sich notdürftig ein Häuschen und sind oft ganz auf sich gestellt. Wenn sie eine Arbeit finden, meist nur Gelegenheitsarbeiten, sind sie glücklich zu preisen und kommen ganz gut zurecht. Aber wenn sie, wie die Mehrheit, keine Arbeit finden, ist dies oft der Anfang vom Ende. Sie fangen an zu trinken, zu stehlen und kommen meist langsam auf die schiefe Bahn, oft mit Drogen- und Alkoholproblemen verbunden, vor allem bei Jugendlichen. Es ist sehr schwierig sich in einer Welt zurechtzufinden, die offensichtlich keinen Platz für mich hat. Wo ich überflüssig und sinnlos dahinleben muss. Immer mehr wird mir bewusst, wie wichtig eine gute Arbeitsstelle für das würdige Leben eines Menschen ist, sonst verkommt er.  Das Viertel hat auch schon eine Kapelle im Rohbau, die vielleicht, wenn noch ein wenig Geld zusammenkommt, auch fertig gestellt werden kann. Vielleicht ist für uns Deutsche die Wichtigkeit einer eigenen Kapelle im Viertel nicht so klar wie hier. Die meisten Menschen gehen zu Fuß oder haben nur ein Fahrrad für die ganze Familie. So können sie nicht zur Messe in die Stadtmitte gehen oder zur Katechese, wenn diese nur im Pfarrzentrum der Stadt stattfindet. Das heißt, wenn es keinen Ort gibt im Viertel, wo die grundsätzlichen Vollzüge einer Pfarrei wie Katechese, Wortgottesdienste, Fortbildungen, Gruppen etc. stattfinden können, dann gibt es in religiöser Hinsicht für die Menschen nichts. Für ein Leben, das ohnehin schon so viele Härten zu bewältigen hat ist dies verheerend. Der Glaube gibt dem Volk oft die Kraft, nicht zu verzweifeln und auch einem harten Leben noch etwas Schönes abzugewinnen. Immer mehr wird mir bewusst, wie wichtig es ist, dass der Glaube einen Ort hat, eine Zeit, Personen, die ich treffen und auf die ich mich verlassen kann. Das heißt nicht, dass alle Probleme damit gelöst sind, aber dass viele Probleme erträglicher werden.