Constanze schreibt:
Nun bin ich bereits 7 ½ Wochen in Brasilien und einiges, was anfangs noch ungewohnt war, ist inzwischen Alltag geworden. Mir geht es hier in Belo Jardim, nach anfänglichem Heimweh, unglaublich gut! Aber jetzt erstmal von vorne...
Die ersten Eindrücke
Die erste Woche verlief recht ruhig. Wir lernten erst einmal ein bisschen die Umgebung kennen und wurden in jedem Gottesdienst vorne vorgestellt. Da der Friedensgruß hier immer am Schluss ist, und sich dabei alle in den Armen liegen, wurden wir gleich von allen herzlichst begrüßt.
Recht schnell lernten wir unsere ständigen Mitbewohnerinnen kennen - Ameisen - in allen verschiedenen Größen, die überall sind. Sei es im Zimmer, oder auf dem Küchentisch. Kaum vorzustellen, dass es auch ohne Insekten im Haus geht.
Die Propagandaautos und die "Lautsprecher auf Rädern" (meistens laufen Jungs damit herum, und verkaufen die Musik), die unglaublich viel Lärm machen , Motor-Taxis (ein Taxi für eine Person auf einem Motorrad), das mindestens halbstündige Warten, bis jemand am Treffpunkt ankommt und das sich einfach mal Hinsetzen und nichts tun, um dann 15 Min. später wieder loszulaufen, Jesus-Aufkleber, T-Shirts etc. überall, der Straßenverkehr mit unglaublich vielen Motorrädern, das Wäschewaschen von Hand (wobei ich nun in der Familie sogar eine Waschmaschine habe),
Lombadas (Hügel auf der Straße, damit die Autofahrer bremsen), das ständige "Nicht an die Verkehrsregeln halten" und natürlich nicht angeschnallt Autofahren sind heute stinknormaler Alltag.
Ebenso denke ich manchmal: Wie konnte ich ohne täglich Reis mit Bohnen zu essen überleben - und ohne die ganzen Süßigkeiten?
Der Alltag im Projekt
Nun, nach fast 8 Wochen, beginnt das Leben hier so langsam geregelt zu verlaufen und der Alltag spielt sich ein. Montags und freitags arbeiten wir im "Casa de Maria". Das ist ein Projekt für Drogenabhängige, die auf der Straße leben. Sie versuchen, wie auf einer "Fazenda da Esperança", durch das Leben vom Wort Gottes (der Bibel) von den Drogen los zu kommen. Dienstag bis Donnerstag sind wir im Projekt CEAPES, welches für Kinder ist, die Probleme im Elternhaus haben. Im "Casa de Maria" sind wir jeweils Nachmittags und beten dort mit. Danach sitzt man noch etwas zusammen und redet miteinander, bzw. ist man da. Anfangs verstanden wir nicht, was wir denn dort machen sollten, immerhin beten wir nur mit und danach sind wir halt noch etwas da, viel reden kann ich jetzt auch nicht, aber es geht darum ihnen Liebe zu geben. Da genügt es da zu sein und sie mal in den Arm zu nehmen. Meine Gastmutter, die das Projekt leitet, sagt immer, dass sie nicht wusste, wie sie das schaffen soll, sie hatte keine Ausbildung für so etwas. Nur Liebe. Und das ist das, was die Menschen brauchen, damit sie wegkommen von den Drogen und von der Straße.
Da wir in diesem Projekt noch nicht sehr lange sind, waren wir erst einmal bei der Straßenpastoral dabei. Diese ist normalerweise immer dienstagabends. Dort gehen wir (meine Gastmutter Neide, eine gute Freundin von ihr, die auch im "Casa de Maria" hilft, Sr. Angelice, Evi und ich) mit Kaffee und Käsebrötchen los und suchen Menschen, die auf der Straße schlafen. Haben wir jemanden gefunden, geht meist Neide zu ihnen hin und redet mit ihnen. Wenn sie es möchten, können sie dann mit ins "Casa de Maria", dort schlafen, duschen... Am nächsten Tag bleiben sie dann entweder dort, und versuchen von den Drogen, die sie meist nehmen, loszukommen, oder sie gehen, wenn sie das bevorzugen, zurück auf die Straße.
Wenn ich sie frage, wer das alles Finanziert, sagt sie nur: "Gott"
Im CEAPES sind wir bereits etwas länger. Vormittags sind wir meist mit Fatima (der Leiterin) unterwegs.
Meistens sind wir dann im Rathaus, einkaufen, oder an Förderstellen, um Geld und Hilfe für die Kinder zu bekommen. Inzwischen wissen wir auch warum. Die Menschen sind einfach viel netter, wenn wir Deutschen dabei sind. So wird uns Kaffe, Essen und sogar das Internet im Rathaus angeboten. Gegen Mittag fahren wir dann ins Projekt, das etwas außerhalb liegt. Dort spielen wir meist mit den Kindern, die sich eigentlich auch gut selbst beschäftigen können. So spielen die Jugendlichen gerne mal ein Spiel, ähnlich wie Volleyball den ganzen Nachmittag lang.
Die Kirche
Die Kirche ist hier komplett anders. Im Gottesdienst ist es das Normalste zu klatschen (sowohl beim Singen, als auch nach dem Evangelium), zu winken und die Hände zum Himmel zu strecken. Das erinnert schon manchmal an Antennen. Die Kirchen sind sehr schlicht. So ist der Altarraum nur bemalt und man sitzt auf Plastikmöbeln. Von Kniebänken keine Spur. Daher kniet man einfach auf den Boden. Auch Liederbücher gibt es hier nicht, sodass alles auswendig gesungen wird. 
Eines Nachts waren Evi und ich auf einem Fest von einer charismatischen Gruppe von Jugendlichen. Es war einfach unglaublich mit so vielen Jugendlichen Gott zu feiern. Die eucharistische Anbetung ging eine gefühlte Stunde. Danach wurde immer wieder gebetet und getanzt. So ging schnell eine Nacht von 22:00 Uhr bis 5:00 Uhr morgens rum. Ein Fest ohne Alkohol und Drogen, bei dem eine unglaubliche Stimmung war. Ein Fest mit Gott, an dem man den Heiligen Geist unglaublich spürte. Ich verstand nicht viel, was die Leute sagten, aber das feeling war unglaublich.
So bleibt mir nur noch zu sagen:
Deus abençoe vocês! (Gott segne euch!)
Constanze

