In meinem 25. Lebensjahr hatte ich mich in eine Sackgasse manövriert.

Ich war endlich von zu Hause ausgezogen, hatte einen neuen gut dotierten Job, einen Firmenwagen, 30 Tage Urlaub, eine nett möblierte 50 qm-Wohnung und war drauf und dran als (noch) alleinstehende Frau Karriere zu machen. Die Sackgasse bestand darin, dass es mir nicht genügte.

Durst nach dem Mehr – Durststrecke
Ein Durst nach dem Mehr war in mir, den ich nicht deuten und befriedigen konnte. Glaube war für mich schon immer wichtig und doch hatte ich genau darin schon seit fast zehn Jahren eine gewaltige Durststrecke. Das, was mir früher Nahrung gegeben hatte, war dürr und trocken geworden. Aus einer inneren Ahnung heraus wünschte ich mir zu Weihnachten eine Biografie Edith Steins, meiner Namenspatron (obwohl sie damals noch nicht einmal seliggesprochen war). Als ich dieses Buch dann endlich in Angriff nahm, war mir bald klar, dass das was Edith erlebt hatte, mir etwas zu sagen hatte. Ich begann meine Mittagspausen in Gebetszeiten in meist leeren Kirchenräumen zu verwandeln. Und mein innerer Durst fand zur Quelle zurück. Nach der Biografie Edith Steins las ich Texte von Teresa von Avila. Ich bemerkte, dass das, was sie über Jesus schrieb und wie er zu ihr sprach, auf eigene Erfahrungen traf. Diese beiden heiligen Frauen bahnten mir den Weg.

Das war neu…
Wenig später entdeckte ich (ausgerechnet) bei einem Weltgebetstag für geistliche Berufe, was das ‚Mehr‘ war, nach dem ich mich sehnte. Eigentlich geriet ich mehr zufällig in diese Veranstaltung. Es gab verschiedene Begegnungsmöglichkeiten mit Ordensleuten. Ordensleben kannte ich eigentlich schon zur Genüge, begleiteten Ordensfrauen doch meine ganze Kindheit durch Kindergarten und Grund- und Realschule. Hier begegnete ich Frauen, die mit beiden Beinen auf dem Boden standen und doch das Herz im Himmel hatten. Das war neu. Eine Sießener Franziskanerin erzählte mir die Führung der Gemeinschaft hin zu dem Dienst bei den ‚Brüdern von der Straße‘, wie sie die Obdachlosen nannte. Auch das war neu: eine Gemeinschaft lässt sich vom Heiligen Geist führen.

Schwungrad meines Lebens
Als nächster Programmpunkt war eine Gesprächsrunde zwischen den Ordensleuten und uns jungen Menschen angesetzt. Es erstaunte mich, dass sich Gleichaltrige tatsächlich mit der Frage Priester zu werden oder in eine Gemeinschaft einzutreten, befassten. Eine junge Frau stellte einer Schwester die Frage, warum sie denn in den Orden eingetreten sei. Sie antwortete, weil sie gespürt habe, dass sie ihren Glauben nicht alleine leben kann und Weggefährtinnen braucht. Diese Antwort konnte ich für mich nicht akzeptieren. Ich stellte mir – während das Gespräch weiterlief – die Frage, was denn für mich ein ausreichender Grund wäre, so einen Weg zu gehen. Da wurde mir schlagartig bewusst: Wenn ich wüsste, dass Gott mich so liebt, dass ich seiner Liebe mit meinem ganzen Leben Antwort geben möchte. Kaum hatte ich diesen Gedanken zugelassen, durchströmte mich eine solche Glut, dass es mir wie Schuppen von den Augen fiel: Ich bin so geliebt! Diese innere Bewegung ist auch nach bald 30 Jahren immer noch das Schwungrad meines Lebens, das mich den Wegen Gottes trauen lässt, dem Immanuel – dem Gott mit uns.

Sr. M. Emanuela Tieze osf

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