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Bundesdeutschen Juniorinnentreffen – Gelübde Macht und Ohnmacht, Grenzen

Am Nachmittag des 27.08.2020 brachen wir, die 29 Teilnehmerinnen des Bundesdeutschen Juniorinnentreffens, nach einer ausgiebigen Wiedersehens- und Kennenlernrunde, zu einer mehrtägigen Reise durch den facettenreichen Themenkomplex von Macht und Ohnmacht auf. „Schwere Kost“ befürchten einige von uns. So tauchten wir, begleitet von unserer Referentin, Sr. Ruth Pucher MC, mit gemischten Gefühlen in den Evangeliumsabschnitt Mk 1,32-39 ein, der den Startpunkt dieses Weges markierte. Jesus bewegt sich dort innerhalb dreier Daseinsräume. Räume, die wir alle gut aus unserem eigenen Leben kennen:Die meisten von uns kamen aus dem Alltagsraum ‚Vor der Haustür‘ zu diesem Treffen, wie wir feststellten. Auch kennen und schätzen wir alle den ‚Einsamen Ort‘ – zum Beten, Innehalten und Auftanken. Exerzitien oder auch Urlaub waren einigen von uns noch sehr präsent. Zudem schafft uns das Stundengebet in unseren Gemeinschaften regelmäßig diesen wichtigen Raum. Nachdenklich stimmte uns die Tatsache, dass die Sehnsucht vieler nach dem ‚Anderswo‘, dem ‚Eigentlichen‘ ebenso groß ist, wie die Frage, wie und wo wir in unseren Konventen inmitten der vielen (An-)Forderungen, die der Alltag des Gemeinschaftslebens an uns stellt, diesen Raum finden und uns dort gut bewegen können.
Unsere Spurensuche begann mit einem Rollenspiel, in dem wir in Kleingruppen mit zugelosten Charakteren, einen fiktiven Konventausflug planten. Dabei fanden wir Gelegenheit, eigene Begabungen zu entdecken, Verhaltensweisen zu reflektieren und wahrzunehmen, dass jede Schwester in ihrer Rolle auf verschiedene Quellen der Macht zurückgreifen kann. Besonders eindrücklich empfanden wir, mit welch großer Dominanz sich die subtile Macht derer zeigt, die nicht bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, keine eigene Meinung haben bzw. sie nicht äußern, oder die sich in Opferrollen bewegen und damit viel Aufmerksamkeit und Energie auf sich ziehen. Es war spürbar, wie schwer es für die Konventsleitung war (und ist), sich diesen lähmenden Mächten nicht zu unterwerfen. Der hohe Anspruch des Bibelwortes, das davon spricht, dass die Position der/des Ersten damit einhergeht, die Dienerin / der Diener ALLER zu sein, wurde vor diesem Hintergrund sehr deutlich. Denn ALLE schließt die Alten UND die Jungen, die Kranken UND die Gesunden, die Lauten UND die Leisen ein. Es greift weiter als die Fürsorge für die, die ihre Bedürfnisse deutlich wahrnehmbar zum Ausdruck bringen. Es bedeutet ein hohes Maß an Achtsamkeit auch für die leisen Stimmen derer, die ihre Gedanken nicht artikulieren oder nur mit leisen Tönen hervorzubringen vermögen, und allem voran ein offenes Herz für die Stimme und die Wegweisung Gottes. Wir konnten deutlich erkennen, dass eine jede Mitschwester in der Gemeinschaft Möglichkeiten hat, Gemeinschaftsleben zu beeinflussen, zu gestalten, und dass darin eine Verantwortung für ALLE liegt, selbst wenn die Selbstwahrnehmung eine gefühlte Machtlosigkeit suggeriert.

Beim Blick auf die Herausforderungen, die Leitungsämter mit sich bringen, beschäftigte uns zudem die Frage, wie und ob in der derzeitigen Entwicklung der Altersstruktur in den Gemeinschaften für die Schwestern der jüngeren Generation ‚multifunktionellen‘ Überbelastungen durch Ämterkumulation vorgebeugt werden kann. Immer wieder geriet dabei auch die Option der externen Unterstützung (inkl. der finanziellen Probleme)in den Blick, sowohl in der Führungsebene als auch bei der Bewältigung der omnipräsenten Alltagsnotwendigkeiten. Denn Räume zu haben, in denen das spezifische Charisma der Gemeinschaft gelebt und erlebbar gemacht werden kann, sehen wir als elementar wichtig und wesentlich für das Leben unserer Berufung und die Zukunftsfähigkeit unserer Ordensgemeinschaften an. Nachfolge Christi zu leben, ist immer auch unbequemer Aufbruch aus der Routine, um IHN in die Welt zu tragen, IHN zu verkündigen und Heil zu schenken. Die Sehnsucht danach nährte die verschiedenen Gedanken, die uns in der heutigen Zeit intensiv begleiten.

In weiteren Einheiten unseres Treffens betrachteten wir gemeinsam das Thema Machtmissbrauch und wie er (frühzeitig) zu erkennen ist. Im persönlichen Austausch stand dann die Frage im Raum, ob und wie wir ihm entgegen treten können. Hier spannte sich der thematische Bogen zur Wechselwirkung von Macht und Gehorsam, den wir im Blick auf die Leitlinien der Kongregation für die Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens (Januar 2019) und die Konstitutionen einiger unserer Gemeinschaften vertieften und diskutierten.

Auch mit den Herausforderungen und Grundsätzen des Delegierens setzten wir uns auseinander. Die Bedeutung klarer Rahmenbedingungen stand ebenso im Fokus, wie die persönlichen zur Verfügung stehenden Ressourcen und damit auch ‚Quellen der Macht‘. Eine strukturierte Betrachtung von verschiedenen Machtquellen sensibilisierte uns hinsichtlich der Möglichkeiten, aus denen wir persönlich schöpfen können, obwohl wir aufgrund unseres Status als Juniorinnen zumindest innerhalb der Ordenshierarchie nur sehr eingeschränkte funktionelle Macht besitzen. So haben wir in weiteren Übungen bewusst wahrnehmen dürfen, dass wir uns regelmäßig der Macht des Wissens / der Argumentation bedienen, anstreben Mehrheiten zu schaffen, die Macht der eigenen Überzeugung einsetzen oder die Emotionen unserer Mitmenschen berühren, um Einfluss zu üben und das Miteinander aktiv mitzugestalten.

All die Erfahrungen ermutigten uns, in Zukunft die uns gegebene Macht bewusst und verantwortungsvoll zu nutzen. Es wurde sehr deutlich, dass Macht an sich nichts Negatives, sondern die Grundvoraussetzung des Gestaltens ist. Die Kunst ist, sie so einzusetzen, dass dem Leben gedient ist, und wir mehr und mehr in die Nähe Gottes gelangen. Dann birgt sie eine schöpferische und fruchtbare Kraft in sich. Das wurde gegen Ende unseres Seminares noch einmal auf humorvolle Weise visuell erfahrbar. Mit einer Stehgreifpantomime zu einer Geschichte von Wilhelm Bruners waren wir eingeladen, dem spannenden Wechselspiel von Liebe und Macht in Verbindung mit Weisheit und Mut oder aber Angst und Neid beizuwohnen.

Die große Freude die wir dabei hatten, war auch ein Zeichen der Freude und der Offenheit in den Begegnungen dieser Tage. Trotz Abstandsregeln und Mund-Nase-Bedeckung war die gemeinsame Zeit des Austausches eine kostbare Zeit der Stärkung und Ermutigung. Die schönen und verschieden gestalteten Gebetszeiten waren ein Zeichen der Vielfalt unserer Gemeinschaft (25 Ordensgemeinschaften, 9 Nationen) und der gelebten Ökumene. Mit großer Dankbarkeit blicken wir auf diese reichen Tage und sind froh, dass es trotz der schwierigen Rahmenbedingungen im Zeichen der Covid-Pandemie – besonders auch durch die wunderbare Organisation im Haus Klara in Oberzell – möglich war, diese Tage miteinander unterwegs zu sein. Ein herzlicher Dank geht auch an das Vorbereitungsteam, die Referentin sowie unsere Gemeinschaften, die uns die Teilnahme ermöglichten. In ihnen gehen wir nun bestärkt weiter auf unserem Weg der Gottsuche – in der Gewissheit, dass wir alle ermächtigt sind, diesen mit unseren Fähigkeiten und Gaben in SEINEM Sinne zu gestalten. geschrieben von Sr. Paulina Kleinsteuber, OSB

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